Ein letzter Blues

Veröffentlicht: 13. Februar 2019 in Allgemein

Foto Bolle70jährig verstarb vorgestern die Lichtgestalt der Braunschweiger Jazzszene Norbert „Bolle“ Bolz   Text und Foto: Klaus Gohlke

Die Nachricht verbreitete sich nicht nur in Jazzkreisen in Windeseile: „Bolle ist tot!“ Kaum vorstellbar: Norbert Bolz, wie er eigentlich hieß, diese Personifikation des Jazz in Braunschweig, ist nicht mehr. Dieser Urtyp, der so gar nichts von sich hermachte! Graugescheckter Bart, altersgemäß ausgedünnter Haarwuchs, fransig, aber immer noch lang hängend, scharfer Brillenblick unter kritisch gefältelter Stirn, gern kariert gehemdet, so stand er hinter der Theke. Spröde im Umgang oft, aber, war das Eis dann gebrochen – was für ein gesprächiger Mann! Und welch phänomenales Gedächtnis, was Menschen, Orte, Musik betraf!

Bolle, das ist für die meisten die Braunschweiger „Bassgeige“. Für Musiker wie Szenegänger immer noch eine Kultstätte. Seit über vierzig Jahren ist dieses Lokal „eine Topadresse des hart swingenden Jazz mit amerikanischen, europäischen und natürlich deutschen Musikern!“, wie Thomas Geese, Kenner der Szene, urteilt. Eine Kneipe urigen Eigensinns, ein Bolle-Spiegelbild, wenn man es recht besieht.

„Jazz“, sagte er im Gespräch, „der lebt nur, wenn er gespielt wird. Der lebt in Clubs! Aber – das braucht auch jemandem, der dafür brennt!“ In der Tat, für Blues und dann vor allem für den Jazz hat dieser Mann immer gebrannt. Als er, der gelernte Schriftsetzer, später sein Studium als Zapfer in der Braunschweiger Szenekneipe „Dreampipe“ finanzierte, entwickelte er seinen Traum von einer eigenen an die große Tradition der US-amerikanischen Clubs anknüpfenden Spielstätte.

Und so entwickelte er eine Art Blues-und Jazz-Netzwerk. Lockte  Blueslegenden und internationale Jazzgrößen in seine „Bassgeige“, die zugleich immer auch der Brennpunkt für die regionale-, lokale- und Session-Szene war. Und obwohl der Laden auftrittstechnisch und akustisch eher wie ein Problemfall wirkte, sahen die Musiker und Fans das ganz anders. Bolle und die „Bassgeige“ gleich Kult. „Es geht nicht um Kohle, es geht um die Mucke, verstehst du?“ Das war die Leitlinie. Deshalb  Raucherkneipe, sparsame Möblierung. Gab’s keine Live-Mucke, legte er selbst auf. Vinyl selbstverständlich. Mehr als 7000 Scheiben hatte er angesammelt. „Das wird alles gepflegt hier, muss alles so bleiben, wird nichts verändert!“, war seine Devise für mehr als vierzig Jahre.

Das hatte etwas, war aber völlig konträr zu neueren Club-und Musikentwicklungen. Bolle stemmte sich gegen den Zeitgeist, was viel Idealismus und vor allem viel Kraft verlangte. Und so stemmte er sich auch gegen seine schwere Erkrankung. „Ich mache hier weiter, bis ich tot umfalle!“, sagte er trotzig vor zwei Jahren im Gespräch. Mit Hilfe seiner Freunde und vor allem seiner Lebensgefährtin,  Karin Schlesiger, erlebte er seinen 70. Geburtstag noch in seinem Lebensmittelpunkt, der „Bassgeige“. Welch ein Verlust ! Was aus der Kultstätte wird, ist mehr als ungewiss.

Der Brexit ist kein Exit

Veröffentlicht: 27. Januar 2019 in Allgemein

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In seinem Semesterabschlusskonzert erinnert das Orchester der TU-Braunschweig an spannende britische Musiker                                                  Text/Fotos: Klaus Gohlke

Seien Sie ehrlich – was sagen Ihnen die Namen Gustav Holst, Ralph Vaughan Williams, William Walton, Frank Bridge,  Malcolm Arnold? Ja! Sind vielleicht Briten oder so. Sonst noch etwas? Nun, das sind alles sehr interessante britische Musiker, grob um die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts herum, aber eher nur Experten bekannt. Wie diese „Exoten“ einer breiteren  Öffentlichkeit bekannt machen? Was hier bedeutet: den Besuchern des alljährlich stattfindenden Semesterabschlusskonzertes des Orchesters der TU Braunschweig?

Markus Lüdke, der Orchesterchef, nie um griffige Veranstaltungsslogans verlegen, nutzte die (Un)Gunst der Stunde. „Last Night Before Brexit. Ein Konzertprogramm aus gegebenem Anlass“. Gutes Motto, wenngleich – die Briten mögen ja aus der EU verschwinden, nicht doch aber das kulturelle Erbe! Nun gut – der Zweck heiligt hier ein wenig die Mittel. Und – ergänzt um Musik von Benjamin Britten und Edward Elgar – erschloss das Orchester dem Publikum eine äußerst vielgestaltige Phase britischer Musik zwischen Spätromantik und Gegenwartsmusik.  Aber nicht biestig-ernst, sondern durchzogen von lockerer „Last Night of the Proms – Atmosphäre“. Also etwas Verkleidung, Wimpel, Tröten, Zwischenrufe und schließlich Mitwirken des Publikums.

Schon die Konzerteröffnung mit einem Auszug aus Gustav Holsts Hauptwerk, der Suite „Die Planeten“, zeigte das Orchester hellwach. Fein abgestufte Stimmungswechsel, kräftige Tutti und lyrische  Passagen präsentierten in der Tat einen Jupiter als „Bringer der Fröhlichkeit“.

Ihre ganze Qualität zeigten die Musiker dann bei der Interpretation von Ralph Vaughan Williams „Ascending lark“ (aufsteigende Lerche) im Zusammenspiel mit der ukrainischen Violinistin des Abends, Yuliia Van, der musikalische Höhepunkt des Konzertes. Ein impressionistisch geprägtes Werk, das den Aufstieg der stimmgewitzten Lerche, ihre Lösung von der Erdenschwere zum Ausdruck bringt. Durchaus mit philosophischem Hintersinn. Während das Orchester den allmählich sich in der Tiefe des Raumes verlierenden Ruhepol musikalisch entfalten muss, stehen dem die Vielgestaltigkeit der Lerchenstimme und ihr Aufsteigen bis ins Unhörbare entgegen.

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Zwei völlig gegensätzliche Tempi, dazu eine auch die Taktgrenzen und die tonale Eindeutigkeit auflösende Musik. Und für die Violine hochkomplexe, kleinschrittige und dynamisch variable Tonfolgen – alles bravourös gelöst.

Freilich – Musik, die es ganz gezielt auf den Affekt absieht. Aber – na und? Frau Vans anmutige weich fließenden Melodielinien – im Verstummen endend – ergriffen nicht nur das Publikum, auch die Orchestermitgliedern schienen beeindruckt. Schön zu sehen.

Ob William Waltons Krönungsmarsch, die eher programmmusikalischen Meerestongemälde eines Frank Bridge oder Benjamin Britten oder Malcolm Arnolds Tanzsuite – Markus Lüdke verstand es, sein Orchester vortrefflich durch Glanz und Gloria  – ja, natürlich, auch Edward Elgars „Pomp und Circumstances“ gelangten zur Aufführung – zu dirigieren.

Ein nahezu unglaublicher Zugabenblock schließlich  mit Henry Woods „Fantasia on British Sea-Songs“, Hubert Parrys „Jerusalem“, die Dudelsackmelodie „Highland Cathedral“ und schließlich „You never walk alone“ als Chorversion. Very, very British, indeed.

Brexit-Befürworter wie -Gegner hätten ihre Freude an dem Konzert gehabt. Das vollbesetzte Audimax sowieso.

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Das Angelika Niescier Trio „NOW“ demonstriert überzeugend, was es heißt, gegenwärtigen Jazz zu spielen                                            Text/Fotos:KlausGohlke

Ohne Umschweife: Das war ein herausragendes Konzert, das das Angelika Niescier Trio „NOW“ am Freitagabend im Roten Saal ablieferte. Allein die Besetzung machte neugierig. Wie geht das zusammen – zwei Melodieinstrumente? Insbesondere das Akkordeon als Jazzinstrument – das ist nicht gänzlich neu, aber es hat doch eine Art Geschmäckle. Zumindest das Odium des Weltmusikalischen (was immer das auch sein soll) haftet ihm an, wenn nicht gar des Heimatabends. Wie geht das mit einer Angelika Niescier zusammen, die doch überhaupt gar nicht für ein musikalisches Walla-la-weia steht?

Nun, das ging ganz hervorragend, und zwar ganz einfach deshalb, weil das Trio Gegenwarts-Jazz spielt. Was hier meint: Jazz, der offen für alle Einflüsse ist, ohne beliebig zu werden. Der sich seiner Traditionen bewusst ist und die Grenzen zur Musik der Moderne selbstbewusst überschreitet.

20190125_210111Niescier, gewissermaßen von Natur aus eher heftig sprudelnder Quell denn breiter dahin fließender Fluss, zeigte dabei ein schier unerschöpfliches Repertoire musikalischer Ausdrucksmittel gepaart mit stupender instrumenteller Fertigkeit. Greifen manche Musiker beim improvisatorischen Suchen gern auf repetitive Muster zurück, bei ihr findet man das nicht. Wer mit ihrer Ideenproduktion mithalten will, muss schon sehr früh aufstehen.

Für Simone Zanchini am Akkordeon aber kein Problem. Gut, er spielt ein elektrifiziertes Instrument, aber warum soll diese technische Möglichkeit der Gitarre etwa vorbehalten sein? Und weil es gewissermaßen semi-akustisch ist, kann es auf Volkstümliches evozieren und es sofort auch transzendieren. Zanchini verfügt ebenfalls über ein komplexes musikalisches Repertoire. Er musiziert mit Niescier auf Augenhöhe. Und so vermögen sie zu monologisieren, zu dialogisieren, dass dem Publikum beinah schwindelig wird.

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Darunter, dahinter, wie auch immer, liegt der alles erdende Bass. Es ist harte Arbeit, die rhythmisch komplexen und sich dauernd verändernden Kompositionen zu grundieren, zumal, wenn da der Anspruch besteht, nicht zu simplifizieren. Es geht mitnichten darum, irgendwelche ostinate Ausdauer zu demonstrieren. Stefano Senni, schafft den Raum, den seine Mitspieler benötigen, sich zu entfalten. Seine Soli zeigen, dass er dem Powerplay seiner Mitspieler durchaus Paroli bieten kann.

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Insgesamt ist das Interplay beeindruckend. Natürlich – das Trio hat große Spielerfahrung, Man kennt sich schon lange. Aber es geht ja um mehr: nämlich ums Aufeinander-Hören, um Ideen-, um Impulsverarbeitung, um Einfühlung. Zwischenmenschlich und thematisch. Auch wenn man die Musik nicht immer zugänglich finden mag: Allein wegen der oben beschriebenen Aspekte gebührt den drei Musiker*innen großer Respekt.

NOWs Musik ist gegenwärtig. Sie erstickt nicht mit Abstraktionen, biedert sich nicht an. Vielmehr erlaubt sie beim Zuhören eigenes Assoziieren. Die mitunter metrische Vertracktheit, der Wechsel der Rhythmen, des Tempos lässt an Musik des Balkans denken. Die schnellen Harmoniewechsel, deren Erweiterungen und Brechungen erinnern fast an Bebop-Zeiten. Die feinen Melodielinien dazwischen wirken wie das Aufscheinen allerdings kaum zuordbarer Musik. Tonalitäten werden verwischt, es gibt abstrakte Klangcollagen und Effekte. Sakrale Orgelmusik erklingt. Es ist Musik, die ein Nachdenken über Existenzielles widerspiegelt bzw. dazu motiviert.  Und schließlich und wahrlich: Nicht zuletzt ist die Musik politisch, wenn man an das „Tribute to Guiseppe Pinelli“ denkt oder aber an die Bezüge zur syrischen Kampfzone um Latakia und die Demokratieprobleme hier im türkischen Kontext. Kunst als Kind oder Mutter der Freiheit?! Vieles konnte einem da durch den Kopf gehen, wenn man wollte.

Und dann nach dem Konzert noch ein Ohr für die Begeisterten zu haben, vor allem wenn man bedenkt, unter welch völlig inakzeptablem zeitlichem Anreisestress die drei standen: das ist mehr, als man erwarten kann. Anders ausgedrückt: absolute Hingabe an die Sache, höchste Professionalität. Begeisterung allüberall.

 

Diversität bereichert den Jazz

Veröffentlicht: 19. Januar 2019 in Allgemein

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Das Gleichstellungsproblem im Jazz aus der Sicht der engagierten Saxofonistin Angelika Niescier

Jazz sei nicht tot, meinte Frank Zappa einst, er röche nur komisch. Wenn man auch nur oberflächlich schaut, wer denn den Ton in diesem Genre angibt, dem kann es schon gewaltig stinken. Eine Männerdomäne nach wie vor. Symposien, Panels, Podiumsdiskussionen beschreiben das Gleichstellungsproblem detailliert. Was aber ist praktisch zu tun? Fragen wir dazu Angelika Niescier, renommierte Jazz-Saxofonistin und in Sachen Gleichstellung engagiert, die demnächst auch in Braunschweig mit ihrem italienischen Trio auftritt.

Frau Niescier, die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sagte in Bezug auf die Genderdebatte: „Wenn sich die Kultur als  die Avantgarde der Gesellschaft verstehen möchte, müsste sie auch in diesem Punkt voranschreiten!“

 Abgesehen von der Frage: „Was ist eigentlich Avantgarde?“, muss ich dazu bemerken: Wenn es ein Grundzug dieser Gesellschaft ist, dass Mann und Frau in vielen Bereichen nicht gleichgestellt sind, wieso soll das gerade in der Kunst, beim Jazz anders sein? Jazz ist Teil dieser Gesellschaft, insofern spiegelt er auch deren Probleme wider.

Wenn bei 24 in Braunschweig beobachteten Jazzkonzerten 75 Männer und nur 6 Frauen auftraten, kann ich Ihnen nur zustimmen.

 Das Ganze ist jetzt zum Glück wieder im Fluss. Zurzeit beschäftigen sich auch Musiker*innen intensiv mit dem Thema und versuchen die Strukturen zu verändern.

Es gibt bei Veranstaltern Überlegungen zur Einführung von Quoten.

 Die Debatte um Quote ist nötig, um auf die Schieflage in der Präsentation aufmerksam zu machen. Es bleibt aber ein Werkzeug. Viel wichtiger ist es, das  Mindset weiterzuentwickeln und endlich zu kapieren, dass Diversität, in welchem Bereich auch immer, bereichert. Die Durchführung ist dann die einfachere Aufgabe.

Was kann das denn praktisch heißen für die Konzertveranstalter vor Ort?

 Der Veranstalter hat dafür zu sorgen,  unterschiedlichen Stimmen, die am musikalischen Diskurs beteiligt sind, Gehör zu verschaffen. Das bedeutet im Einzelnen, die eigenen stereotypen Entscheidungsgewohnheiten zu hinterfragen; sich umzuhören, den Horizont zu erweitern. Je mehr Veranstalter*innen und Musiker*innen sich an diesem Diskurs beteiligen, desto diverser wird das Bild der Musik. Das hat natürlich einen Rückkoppelungseffekt auf die Gesellschaft.

Können Veranstalter von ihrer Seite her Hilfen erhalten?

 Ja, wir sind dabei, Netzwerke aufzubauen. Wichtig ist vor allem, dass Frauen auf der Bühne stehen. Dass sie sichtbar sind. Außerdem: Warum werden wir Frauen eigentlich immer zu diesem Thema befragt und nicht bzw. kaum die Männer? Ich will darüber reden, welche Art von Musik ich hier mit meinem Trio spielen werde. Welche Einflüsse sie widerspiegelt, wie Diversität sich in ihr ausdrückt und entwickelt. Nicht  darüber, welches Geschlecht, welche Hautfarbe und dergleichen eine Rolle spielt.

Interview: Klaus Gohlke

Das Angelika Niescier Trio „Now“ spielt am 25. Januar 2019 um 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses. Karten im Vorverkauf und an der Abendkasse.

Songs meines Lebens

Veröffentlicht: 12. Dezember 2018 in Allgemein

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Lucia Cadotsch im Gespräch mit Klaus Gohlke

Wäre sie Teil der Popwelt, dann hieße man sie vielleicht „Star“. Glänzende Kritiken, Echo-Trägerin, Top-Ranking in den Fach-Charts, internationale Auftritte. Und dann  im kommenden Januar in der Elbphilharmonie, aber vorher, am kommenden Freitag, im Braunschweiger Schloss! Lucia Cadotsch, in Berlin lebende Schweizerin, aber singt Jazz, nicht Pop. Es verbieten sich also Fragen danach, wie es sich denn so lebt als internationaler Star. Da fragt man besser Anderes.

Irgendjemand nannte dich „die neue Hoffnung des Jazz“. Wie beurteilst du so eine Äußerung?

 Wie soll ich das beurteilen, das liest man doch jede Woche über einen Künstler!

Auf deinem Album „Speak Low“  stammen 6 von 10 Songs von der legendären Billie Holiday.  Kann man da von einem Billie-Holiday-Tribute sprechen ?

 Billie Holiday war eine große Inspiration für mich als Sängerin. Deshalb    tauchen ihre Songs natürlich in meinem Song-Book auf. Aber auch die Interpretationen von Nina Simone waren für unsere Arrangements eine wichtige Quelle.  Sowie Ahmad Jamal, Kurt Weill, Henry Mancini, …

Große Namen, große Songs. Hattest du nicht Angst zu scheitern?

 Ehrlich gesagt, ist mir erst bewusst geworden, dass das Album eine Track-Liste mit fast ausschließlich berühmten Songs trägt, als ich das Albumcover gestaltet habe. Bei der Auswahl des Repertoires ging es mir nicht darum berühmte Songs zu interpretieren, sondern Songs, die mich über Jahre begleitet haben und in verschiedenen Phasen meines Lebens zu mir sprachen, Songs die nach 50 – 100 Jahren immer noch aktuell sind. Aus irgendeinem Grund sind sie ja berühmt geworden…

Du wirst von einem Saxofonisten und einem Bassisten begleitet. Kein Harmonieinstrument, kein Schlagzeug. Warum gerade diese Besetzung?

 Ich habe lange nach einem Weg gesucht, diese Songs, die mir sehr am Herzen liegen in einer Form zu interpretieren, die die Tradition zitiert und zeitgemäß ist. Auf dieser Suche bin ich auf Petter Eldh und Otis Sandsjö gestoßen. Wir haben uns vom ersten gemeinsamen Ton an verstanden. „Don’t Explain“ war der erste Song, den wir gespielt haben und alles war klar, es ging sofort eine gemeinsame Reise los, ohne Worte haben wir verstanden, wohin es gemeinsam gehen soll. Vielmehr als um die besondere und selten gehörte Instrumentierung geht es auch um unsere drei Charaktere, die zusammengetroffen sind und eine Energie freigesetzt haben.

Was ist das Spezifische an Otis Begleitung, was an Petter’s Spiel?

Sie klingen wie niemand anderes, kreative Spieler, die stets nach neuen Wegen suchen.

Wie bist du auf die Arrangements gekommen?

Wir haben sie zu dritt gemeinsam im Proberaum und direkt an unseren jeweiligen Instrumenten entwickelt. Das macht diese Arbeit für mich einzigartig, die Musik würde komplett anders klingen würde, wäre es eine andere Formation, bzw. andere Musiker. Wir haben uns die Arrangements quasi auf den Leib geschnitten. Außerdem sind die Arrangements voller versteckter Zitate aus unterschiedlichen Aufnahmen, die wir zu einem neuen Mosaik zusammengebaut haben.

Wie geht es weiter mit dem Trio? Reizt der Erfolg mit „Speak Low“ zur Fortsetzung des Konzepts?

Wir haben in den letzten drei Jahren sehr viele Konzerte im Trio und mit Gastmusikern wie Kit Downes, Julian Sartorius, Lucy Railton spielen können. Auf diesen Reisen konnten wir unsere Arbeit verfeinern und unser Repertoire laufend erweitert. Im Februar 2019 werden wir ins Studio gehen, um ein neues Album aufzunehmen.

Bist du jetzt etabliert als Sängerin, stehen dir Tür und Tor offen?

Die Reise geht kontinuierlich weiter, wer weiß wohin. Manche Türen gehen auf, andere zu. Es gibt keine Sicherheit in diesem Beruf.

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Jazzkonzerte bieten dem Auge des geneigten Hörers besondere Erlebnisse (Ein Beitrag zu Peter Rüedis „Ästhetik des Beiläufigen“) Text/Foto: Klaus Gohlke 

Musik ist zuallererst ein physikalisches Ereignis. Es geht um Schwingungen der Luftsäule, um physikalisch-akustische Gesetzmäßigkeiten. So weit, so einfach. Was diese Schwingungen dann hervorrufen, kann man knochentrocken und sehr zutreffend mit dem Musikhistoriker Alex Ross „eigenartige Empfindungen“ nennen. Jeder Konzertbesuch illustriert das. Gleichzeitig aber wird auch das Auge bei Konzerten angesprochen. Es soll hier nicht um die Shows populärer Musik gehen, etwa die Akrobatik-Einlagen von Helene Fischer oder die Multimedia-Shows eines Udo Lindenberg. Es geht hier nicht um zielgerichtete Handlungen, vielmehr um etwas Beiläufiges und Stilles: um Mimik und Gesten vor allem. Etwas, das besonders bei Jazzkonzerten eine zusätzliche Ebene der Beobachtung, eine zusätzliche Intimität bietet, die es anderswo in der Musik in dieser unmittelbaren Form nicht gibt.

Was erlebte man nun beim Konzert des Arild-Andersen-Trios am Samstagabend im Braunschweiger LOT-Theater so ganz beiläufig? Um es ganz klar zu sagen: nichts Sensationelles. Etwas, was sich in jedem Jazzkonzert ereignet, allerdings kaum Beachtung findet, obwohl es doch individuell immer wieder anders ausgeprägt ist.

Also: Andersen spricht seine Musik, zumindest bewegen sich seine Lippen während des Spielens permanent. Es könnte auch ein inneres Singen sein. Jedenfalls eher still. Nicht wie bei Keith Jarrett dieses hochtönige Untermalen.Der schottische Saxofonist Tommy Smith fällt auf andere Weise auf. Nicht beim Musizieren, wohl aber beim Zuhören. Er geht in die Hocke, fixiert seinen Bandleader aufmerksam und zeigt sich bei einigen Bassläufen höchst interessiert. Gleichzeitig verfolgt seine rechte Hand oft den rhythmischen Verlauf des Spiels seiner Kollegen. Er kann nicht loslassen, wenn man so will. Thomas Strønen, der Schlagzeuger, wird auf seltsame Weise von der Rhythmusarbeit angepackt. Je nach dynamischem Einsatz streckt sich der ganze Körper nach oben, dreht sich nach links bzw. rechts, begleitet mitunter von einem milden Lächeln. Nach Phasen höchster Konzentration, im Spannungsabfall, wirkt er wie im Trance-Zustand mit glasig-verschleiertem Blick.

Interessant sind die Momente, und derer gibt es an diesem Abend recht viele, in denen die Musiker lächeln: einzeln, zu zweit oder auch kollektiv. Was mag das Belustigende, Erfreuliche sein? Man kann oft nur rätseln. Eine unerwartete Variante im Spiel? Ein kleiner Fehler, nur dem Insider bemerkbar? Ein besonderer musikalischer Coup? Oder ziehen die Burschen nur die Shownummer „cooler Jazzer“ ab? Mitunter aber ist der Grund erkennbar. Wenn Andersen etwa mitten im Stück den Rhythmus über drei, vier Takte jäh verändert. Einfach so ein kleiner musikalischer Scherz. Variatio delectat. Das lässt schon mal grinsen.

Dass das Spiel an die psycho-physische Substanz geht, ist nicht zu verbergen. Es muss nicht unbedingt so ein speediger Fetzer sein wie „Outhouse“, der nach Luft schnappen lässt. Auch langsame Balladen, Uni-Sono- und Soloparts fordern Etliches ab, was zu einem Aufrichten, Lockern, Zurücktreten zwingt. Vor allem zu einem ständigen Blickkontakt während des Spiels. Man nennt das „das Interplay“, das Zusammenwirken der Musiker, hier auf der visuellen Ebene. Man mag noch so lange miteinander gespielt und Automatismen eingeschliffen haben. Der Zeitpunkt der Changes, die Dauer der Soli, die emotionale Verfassung der Einzelnen kann nur über den Blick erfasst werden. Interplay als Spiel der Blicke zwischen den Protagonisten.

Die drei Herren sind allesamt gestandene Musiker, aber – und das sollte das Publikum in seinem Selbstwertgefühl doch erheblich stärken – wenn es den Zwischenbeifall für gelungene Solo-Arbeit gibt, dann freuen sie sich aufrichtig. Tommy schottisch knapp, Thomas noch etwas erschöpft, am gelöstesten aber Arild, trotz seiner fast 50jährigen Karriere. Und diese Freude über ein gelungenes Konzert und die Ovationen des Publikums erscheint wieder völlig ungekünstelt am Konzertende und wird mit Zugaben belohnt.

Und was sieht der Musiker, wenn er ins Publikum blickt? Das sei ein anderes Thema.

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Ein Interview mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen       von Klaus Gohlke

Gute Nachrichten für die Braunschweiger Jazzfreunde! Nach Dave Holland im letzten Jahr kommt wiederum ein herausragender Jazzbassist ins Braunschweiger LOT-Theater: der Norweger Arild Andersen mit seinem Trio. Klaus Gohlke telefonierte mit dem in Oslo lebenden Bassisten.

Arild, du bist jetzt einundsiebzig Jahre alt. Immer noch die große Lust auf Tour zu gehen?

Ja, durchaus. Konzerte spielen ist etwas Unersetzbares im Leben. Nur die Flughafen-Checkerei nervt immer mehr, zumal mit dem dicken Instrument.

Warum spielst du nicht den handlicheren E-Bass?

Ich hab das ja auch eine Zeitlang gemacht. Aber dann hörte ich Jaco Pastorius (einer der einflussreichsten E-Bassisten, der das Bass-Spiel musikalisch revolutionierte. K.G.). Seine Technik auf dem Instrument war überwältigend, unerreichbar. Also konzentrierte ich mich auf den Kontrabass. Jacos musikalisches Verständnis aber, was die Rolle des Basses im Zusammenspiel betrifft, sein melodisches Verständnis, das teile ich voll und ganz.

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Du hast mit den ganz Großen des US-amerikanischen Jazz zusammengespielt. Du wolltest aber nicht wie etwa Dave Holland in New York bleiben.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Jazzmusizieren. In Amerika ist die Band in der Regel um einen Star, der der Boss ist, geschart. Top-Down. Ich habe ja gelernt bei den Großen des amerikanischen Jazz: Sonny Rollins, Dexter Gordon, Chick Corea. Wenn du mit Dexter auf der Bühne standest, rief er plötzlich mitten im Song: „Next „Cherokee“ und dann musstest du das drauf haben, keine Absprache vorher, er war der Boss. Der europäische Jazz zeichnet sich durch ein demokratischeres, gleichberechtigteres Zusammenspiel aus. Es ist ein gemeinsames Herausarbeiten musikalischer Ideen, die eine klangliche Identität einer Band entstehen lässt. Die Basis des amerikanischen Jazz ist der Blues. Hier in Europa spielen darüber hinaus immer mehr eigene musikalische Traditionen eine Rolle, aber auch die zeitgenössische Kunstmusik.

Bei norwegischem Jazz denken viele Jazzfreunde an einen speziellen skandinavischen Sound: Klare, kühle Töne, die Landschaftsbilder evozieren, sehr melodiös. 

Du meinst diesen spacigen Sound mit viel Reverb, also den Jan Garbarek-Klang der 70er Jahre? Das war eine Zeitlang sehr angesagt. Damit habe ich es nicht so sehr. Ich knüpfe an am traditionellen Jazz. Aber ich bin beeinflusst sowohl von der schönen Schlichtheit der norwegischen Folklore, wie ich auch zurückgreife auf die Abstraktionen zeitgenössischer Neuer Musik. Ich habe ja auch spirituelle Musik geschrieben und Film-und Theatermusiken.

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Wenn du auf deine Jazzgeschichte blickst: gibt es da einschneidende Veränderungen?

Durchaus. Zwei zentrale Einschnitte sehe ich. Miles Davis‘ Album „Bitches Brew“ war der Bruch schlechthin. Weg von aller Swing-Ästhetik. Dafür elektrischer Jazz-Rock. Rhythmisch völlig anders gedacht, eine eigenartige Offenheit. Die andere zentrale Veränderung ist die jetzt gängige Verwendung ungerader Rhythmen. Das gab es auch schon früher, etwa bei Brubeck. Aber jetzt sind die komplexen Rhythmen nahezu üblich. Mich interessiert das nicht so sehr.

Wo warst du eigentlich musikalisch als junger Mann, damals als es z.B. die Stones- und Beatles-Debatten bei den Fans gab?

Beatles? Wunderbare Melodien. Und die Rolling Stones habe ich auch im Konzert kennengelernt. Aber erst viel später. Was Gitarrenmusik angeht, so fand ich Charlie Christian stark. Ansonsten Miles Davis, Herbie Hancock. Den Bassisten Gary Peacock oder Stan Getz am Saxofon. Ich war also etwas anders orientiert als die meisten Jugendlichen damals.

Was können wir dann bei deinem Konzert in Braunschweig erwarten?

Eine sehr abwechslungsreiche, durchaus auch melodische Musik. Eine feine Klangsprache, famose Energie und ab und an Herzschmerz.

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Arild Andersen Trio. Samstag, 14. Oktober, 20 Uhr im LOT-Theater Braunschweig. Karten an der Abendkasse und den üblichen Vorverkaufsstellen.