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Jazzkonzerte bieten dem Auge des geneigten Hörers besondere Erlebnisse (Ein Beitrag zu Peter Rüedis „Ästhetik des Beiläufigen“) Text/Foto: Klaus Gohlke 

Musik ist zuallererst ein physikalisches Ereignis. Es geht um Schwingungen der Luftsäule, um physikalisch-akustische Gesetzmäßigkeiten. So weit, so einfach. Was diese Schwingungen dann hervorrufen, kann man knochentrocken und sehr zutreffend mit dem Musikhistoriker Alex Ross „eigenartige Empfindungen“ nennen. Jeder Konzertbesuch illustriert das. Gleichzeitig aber wird auch das Auge bei Konzerten angesprochen. Es soll hier nicht um die Shows populärer Musik gehen, etwa die Akrobatik-Einlagen von Helene Fischer oder die Multimedia-Shows eines Udo Lindenberg. Es geht hier nicht um zielgerichtete Handlungen, vielmehr um etwas Beiläufiges und Stilles: um Mimik und Gesten vor allem. Etwas, das besonders bei Jazzkonzerten eine zusätzliche Ebene der Beobachtung, eine zusätzliche Intimität bietet, die es anderswo in der Musik in dieser unmittelbaren Form nicht gibt.

Was erlebte man nun beim Konzert des Arild-Andersen-Trios am Samstagabend im Braunschweiger LOT-Theater so ganz beiläufig? Um es ganz klar zu sagen: nichts Sensationelles. Etwas, was sich in jedem Jazzkonzert ereignet, allerdings kaum Beachtung findet, obwohl es doch individuell immer wieder anders ausgeprägt ist.

Also: Andersen spricht seine Musik, zumindest bewegen sich seine Lippen während des Spielens permanent. Es könnte auch ein inneres Singen sein. Jedenfalls eher still. Nicht wie bei Keith Jarrett dieses hochtönige Untermalen.Der schottische Saxofonist Tommy Smith fällt auf andere Weise auf. Nicht beim Musizieren, wohl aber beim Zuhören. Er geht in die Hocke, fixiert seinen Bandleader aufmerksam und zeigt sich bei einigen Bassläufen höchst interessiert. Gleichzeitig verfolgt seine rechte Hand oft den rhythmischen Verlauf des Spiels seiner Kollegen. Er kann nicht loslassen, wenn man so will. Thomas Strønen, der Schlagzeuger, wird auf seltsame Weise von der Rhythmusarbeit angepackt. Je nach dynamischem Einsatz streckt sich der ganze Körper nach oben, dreht sich nach links bzw. rechts, begleitet mitunter von einem milden Lächeln. Nach Phasen höchster Konzentration, im Spannungsabfall, wirkt er wie im Trance-Zustand mit glasig-verschleiertem Blick.

Interessant sind die Momente, und derer gibt es an diesem Abend recht viele, in denen die Musiker lächeln: einzeln, zu zweit oder auch kollektiv. Was mag das Belustigende, Erfreuliche sein? Man kann oft nur rätseln. Eine unerwartete Variante im Spiel? Ein kleiner Fehler, nur dem Insider bemerkbar? Ein besonderer musikalischer Coup? Oder ziehen die Burschen nur die Shownummer „cooler Jazzer“ ab? Mitunter aber ist der Grund erkennbar. Wenn Andersen etwa mitten im Stück den Rhythmus über drei, vier Takte jäh verändert. Einfach so ein kleiner musikalischer Scherz. Variatio delectat. Das lässt schon mal grinsen.

Dass das Spiel an die psycho-physische Substanz geht, ist nicht zu verbergen. Es muss nicht unbedingt so ein speediger Fetzer sein wie „Outhouse“, der nach Luft schnappen lässt. Auch langsame Balladen, Uni-Sono- und Soloparts fordern Etliches ab, was zu einem Aufrichten, Lockern, Zurücktreten zwingt. Vor allem zu einem ständigen Blickkontakt während des Spiels. Man nennt das „das Interplay“, das Zusammenwirken der Musiker, hier auf der visuellen Ebene. Man mag noch so lange miteinander gespielt und Automatismen eingeschliffen haben. Der Zeitpunkt der Changes, die Dauer der Soli, die emotionale Verfassung der Einzelnen kann nur über den Blick erfasst werden. Interplay als Spiel der Blicke zwischen den Protagonisten.

Die drei Herren sind allesamt gestandene Musiker, aber – und das sollte das Publikum in seinem Selbstwertgefühl doch erheblich stärken – wenn es den Zwischenbeifall für gelungene Solo-Arbeit gibt, dann freuen sie sich aufrichtig. Tommy schottisch knapp, Thomas noch etwas erschöpft, am gelöstesten aber Arild, trotz seiner fast 50jährigen Karriere. Und diese Freude über ein gelungenes Konzert und die Ovationen des Publikums erscheint wieder völlig ungekünstelt am Konzertende und wird mit Zugaben belohnt.

Und was sieht der Musiker, wenn er ins Publikum blickt? Das sei ein anderes Thema.

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Ein Interview mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen       von Klaus Gohlke

Gute Nachrichten für die Braunschweiger Jazzfreunde! Nach Dave Holland im letzten Jahr kommt wiederum ein herausragender Jazzbassist ins Braunschweiger LOT-Theater: der Norweger Arild Andersen mit seinem Trio. Klaus Gohlke telefonierte mit dem in Oslo lebenden Bassisten.

Arild, du bist jetzt einundsiebzig Jahre alt. Immer noch die große Lust auf Tour zu gehen?

Ja, durchaus. Konzerte spielen ist etwas Unersetzbares im Leben. Nur die Flughafen-Checkerei nervt immer mehr, zumal mit dem dicken Instrument.

Warum spielst du nicht den handlicheren E-Bass?

Ich hab das ja auch eine Zeitlang gemacht. Aber dann hörte ich Jaco Pastorius (einer der einflussreichsten E-Bassisten, der das Bass-Spiel musikalisch revolutionierte. K.G.). Seine Technik auf dem Instrument war überwältigend, unerreichbar. Also konzentrierte ich mich auf den Kontrabass. Jacos musikalisches Verständnis aber, was die Rolle des Basses im Zusammenspiel betrifft, sein melodisches Verständnis, das teile ich voll und ganz.

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Du hast mit den ganz Großen des US-amerikanischen Jazz zusammengespielt. Du wolltest aber nicht wie etwa Dave Holland in New York bleiben.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Jazzmusizieren. In Amerika ist die Band in der Regel um einen Star, der der Boss ist, geschart. Top-Down. Ich habe ja gelernt bei den Großen des amerikanischen Jazz: Sonny Rollins, Dexter Gordon, Chick Corea. Wenn du mit Dexter auf der Bühne standest, rief er plötzlich mitten im Song: „Next „Cherokee“ und dann musstest du das drauf haben, keine Absprache vorher, er war der Boss. Der europäische Jazz zeichnet sich durch ein demokratischeres, gleichberechtigteres Zusammenspiel aus. Es ist ein gemeinsames Herausarbeiten musikalischer Ideen, die eine klangliche Identität einer Band entstehen lässt. Die Basis des amerikanischen Jazz ist der Blues. Hier in Europa spielen darüber hinaus immer mehr eigene musikalische Traditionen eine Rolle, aber auch die zeitgenössische Kunstmusik.

Bei norwegischem Jazz denken viele Jazzfreunde an einen speziellen skandinavischen Sound: Klare, kühle Töne, die Landschaftsbilder evozieren, sehr melodiös. 

Du meinst diesen spacigen Sound mit viel Reverb, also den Jan Garbarek-Klang der 70er Jahre? Das war eine Zeitlang sehr angesagt. Damit habe ich es nicht so sehr. Ich knüpfe an am traditionellen Jazz. Aber ich bin beeinflusst sowohl von der schönen Schlichtheit der norwegischen Folklore, wie ich auch zurückgreife auf die Abstraktionen zeitgenössischer Neuer Musik. Ich habe ja auch spirituelle Musik geschrieben und Film-und Theatermusiken.

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Wenn du auf deine Jazzgeschichte blickst: gibt es da einschneidende Veränderungen?

Durchaus. Zwei zentrale Einschnitte sehe ich. Miles Davis‘ Album „Bitches Brew“ war der Bruch schlechthin. Weg von aller Swing-Ästhetik. Dafür elektrischer Jazz-Rock. Rhythmisch völlig anders gedacht, eine eigenartige Offenheit. Die andere zentrale Veränderung ist die jetzt gängige Verwendung ungerader Rhythmen. Das gab es auch schon früher, etwa bei Brubeck. Aber jetzt sind die komplexen Rhythmen nahezu üblich. Mich interessiert das nicht so sehr.

Wo warst du eigentlich musikalisch als junger Mann, damals als es z.B. die Stones- und Beatles-Debatten bei den Fans gab?

Beatles? Wunderbare Melodien. Und die Rolling Stones habe ich auch im Konzert kennengelernt. Aber erst viel später. Was Gitarrenmusik angeht, so fand ich Charlie Christian stark. Ansonsten Miles Davis, Herbie Hancock. Den Bassisten Gary Peacock oder Stan Getz am Saxofon. Ich war also etwas anders orientiert als die meisten Jugendlichen damals.

Was können wir dann bei deinem Konzert in Braunschweig erwarten?

Eine sehr abwechslungsreiche, durchaus auch melodische Musik. Eine feine Klangsprache, famose Energie und ab und an Herzschmerz.

Fotos: o-tone music

Arild Andersen Trio. Samstag, 14. Oktober, 20 Uhr im LOT-Theater Braunschweig. Karten an der Abendkasse und den üblichen Vorverkaufsstellen.

 

Kermes ohne Kirmes

Veröffentlicht: 19. September 2017 in Allgemein

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Text und Fotos: Klaus Gohlke

Simone Kermes und Amici Veneziani begeistern mit italienischer Barockmusik

Ein eigentümlicher Ruf geht der Koloratursopranistin Simone Kermes voraus. Nämlich bei aller Sangeskompetenz eine für „klassische Musik“ ziemlich schräge Show zu zelebrieren. Was ihr Epitheta einbrachte wie „Nina Hagen bzw. Lady Gaga der Barockmusik“, „Vollblutrampensau“, „virtuose Wundertüte“ oder aber „BaRockröhre“ . Vor allem schrille Kleidung, mehrfach während des Konzertes gewechselt, versetzte in Aufregung.

Wer deswegen zur ihr ins 47. Helmstedter Juleumskonzert kam, der wurde schwer enttäuscht. Die Kermes bot keinerlei Kirmes, sondern präsentierte sich – was das Outfit betrifft – durchgängig in einem durch eine Tournüre aufgebauschtes schwarzes Kleid und kümmerte sich ansonsten um das musikalische Wohlergehen ihres Publikums.

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Und zwar gleich zu Beginn, und zwar ganz praktisch. Weil der Saal mit einem kleinen Ensemble nicht gut mittig zu bespielen war, es also zu Benachteiligungen beim Hören kommen könnte, ließ sie drei Reihen Stühle auf der Bühne platzieren. Vorbildliche Fürsorge.

Musikalisch stand das Konzert unter dem Motto „Belcanto di Napoli“, was nicht ganz passte, weil sich Gesangs- und reine Instrumentalparts abwechselten. Sei es, um die Qualität des Barockensembles zur Geltung kommen zu lassen oder aber der Stimme Erholungsphasen zu verschaffen. Denn „Bel Canto“, das ist nicht einfach schöner Gesang einer ausgebildeten Stimme. Es ist hoch artifizielle Sangeskunst, wie die Kermes gleich mit ihrer ersten Bravour-Arie aus Nicola Antonio Porporas Oper „Mitridate“ demonstrierte. Sie stürzte sich förmlich hinein in die Musik, formte feine Perlenketten von Koloraturen und beeindruckte mit erstaunlichem Stimmumfang und rasantem Tempo.

Die Fortsetzung des Konzertes mit Antonio Vivaldis Concerto in D-Dur gab dem Orchester „Amici Veneziani“ unter der ungemein gefühlvollen Leitung des Violinisten Boris Bengelman Gelegenheit zu glänzen. Dabei zeigten sich die Musiker höchst aufmerksam, exakt und als Meister in den dynamischen Abstufungen. Bengelman selbst präsentierte sich absolut virtuos in den Prestopassagen, aber auch beim Pianissimo in den höchsten Lagen. Sehr eindrucksvoll.

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Kermes‘ Können zeigte sich natürlich in solch Power-Partien wie Pergolesis Eifersuchts-Arie „Tu me da me dividi“, aber wirklich innige Momente entstanden beim Vortrag langsamer Arien, insbesondere bei Johann Adolf Hasses Arie des Siface aus der Oper „Viritate“. Das An- und Abschwellen der Stimmlautstärke, das Tragen der Stimme, die vielfältigen Verzierungen ließen nicht mehr an Technik denken, sondern berührten zutiefst.

Die Zugabe mit Mitklatschen des Publikums und insbesondere die Art-Folk-Pop-Nummer „Sag mir, wo die Blumen sind“ waren gut fürs Herzele, mehr aber nicht. Zum Glück schloss das Konzert mit Händels wohl berühmtester Arie „Lascia ch’io Pianga“ und erhielt so einen abschließenden Höhepunkt. Lang anhaltende und stehende Ovationen.

Gebrochene Melancholie

Veröffentlicht: 30. August 2017 in Allgemein

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Ute Lemper überzeugte bei Kultur-im-Zelt mit gekonnt vorgetragenen Arrangements bekannter Chansons und Lieder   Text/Fotos: Klaus Gohlke

„Ein paar Illusionen gefällig? Ja, sind ein bisschen abgegriffen, aber komm, immer wieder schön oder? Liebe? Lass mal, nur ein Spiel! Alles Treibsand!“ Oh, Friedrich Holländers „Illusions“ als Anfang. Enttäuschung, Wehmut, trostlose Ernüchterung – ist das das Motto, wird das die Stimmung des gesamten Ute Lemper – Auftritts bei Kultur im Zelt werden?

Keine Angst, nicht mit diesem Musik-Vamp! Wohl macht sie zunächst schwer auf Melancholie. Elegant gedresst im langen schwarzen Gewand, gewagt geschlitzt, dekolletiert und mit roter Schärpe um Bauch und Hüfte! Das Arrangement des Eröffnungstückes aber, das lässt keinen tränennassen Abend erwarten. Sie erweitert den Song medleyartig, bricht ihn vor allem musikalisch auf. Es swingt, es bluest gehörig zwischendurch. Das Trauerflorige wird mit einer Stimme zerstört, die heftig an Janis Joplins Vokalisen bei „Ball and Chain“ erinnert. Gekonnte Wechsel in Dynamik und Tempo erfrischen und ein langer Ausstieg mit jazzigem Scat-Gesang, der in die bekannten langen, das gesamte Stimmregister demonstrierenden Kadenzen mündet.

Ja, sie kann es. Immer noch. Das tausendköpfige Publikum ist gewonnen. Aber – und das ist das Besondere dieses Abends: Die Lemper biedert sich nicht an. Jedenfalls nicht musikalisch. Ob Piafs „Milord“ oder ihr „Je ne regrette rien“, ob Brecht/Weills „Moritat von Mackie Messer“, Holländers „Ich bin die fesche Lola“, Brels „Amsterdam“: Es gab keine Coverversionen, sondern intelligente Bearbeitungen. Ein Spiel mit Zitaten auch. Hier ein paar Takte aus Ray Charles‘ „Hit the road, Jack“, dort etwas „Alabama-Song“. Wenn es schnell gefühlig werden könnte, etwa bei „Wie einst Lili Marleen“, dann nur eine Kurzfassung. Andererseits, schon paradox, lässt Lemper den Saal zu „Mackie Messer“ mitsummen. Das ist Brecht’scher Verfremdungs-Effekt in ironischer Vollendung.

Das heißt nicht, dass es an stillen, anrührenden Momenten fehlte. Vor allem das im Jiddischen gesungene „Stiller Abend“ vermochte – auch ohne didaktische Hinweise – zu beeindrucken. Hochgradig gewagt, gekonnt und anrührend dabei der auf einem Ton sich bewegende zarte Übergang von Brechts „Nanna-Lied“ zu jener todtraurigen Exilanten-Elegie. Das konnte aber auch nur gelingen im Zusammenspiel mit den höchst sensiblen musikalischen Begleitern des Abends, wie es am Piano Werner Gierig, Romain Lecuyer am Akustik-Bass und Victor Vilena am Bandoneon waren.

Gerade bei diesen nicht forciert vorgetragenen Stücken überzeugte die Diseuse stimmlich uneingeschränkt. Sobald sie aber Druck in den Gesang brachte- und das tat sie gern – wurde die Stimme übermäßig und auch verunklarend rau. Absicht oder beginnende Überanstrengungserscheinungen? Das Publikum sah darin jedenfalls kein Problem und dankte stehend und langanhaltend.

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Hoch gepokert und gewonnen

Veröffentlicht: 14. August 2017 in Allgemein

 

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Das Duo Nils Wogram/Bojan Z. beschert dem „jung-klasse-Klassik Musiksommer 2017“ ein volles Haus                                      Text und Fotos: Klaus Gohlke                           

Ein Jazz-Duo mit Posaune und Piano? Riecht nach harter Kost, schaut abseitig aus, nicht wie ein Publikumsrenner. Zudem noch am späten Sonntagnachmittag in der Dornse des Braunschweiger Altstadt-Rathauses. Ein Hoch-Risiko-Spiel! Doch das Team von „jung-klasse-Klassik“ setzte trotzdem voll auf diese Karte. Alles Hasardeure? Mitnichten. Denn sie hatten einen Trumpf. Sie setzen nämlich auf den Heimspiel-Karte. Und die hieß: Nils Wogram: Groß-Schwülper, Braunschweig.

Nein, Wogram kann noch so sehr der bekannteste „bunte Posaunenhund“ mindestens Europas sein. Und sein Piano-Partner, Bojan Zulfikarpasic ( einfacher: Z.) mag noch so schön mit dem französischen Ritterorden der Künste geschmückt sein. Das ist noch kein Grund für volle Häuser. Dass 200 Personen zu diesem Event drängten: es hat viel mit dem Wogramschen-Heim-Bonus zu tun.

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Verdient hätte das Konzert noch mehr Zuhörerinnen und Zuhörer, zweifelsfrei. Denn geboten wurde zeitgemäßer Jazz, der allen Vorstellungen von individueller Ausdrucksweise, von intelligent-gewitztem Umgang mit der Jazzgeschichte, technischer Präzison im Zusammenspiel und Einfallsreichtum entsprach.

Das begann schon mit dem Intro-Appetizer der Konzerteröffnung: Posaune und Piano ohne Klang, stattdessen als Perkussionsinstrumente genutzt. Der Flügeldeckel wird zur Bass-Drum, sein Inneres zum Perkussionsensemble. Die Posaune wird durch Beklopfen des Mundstückes, stoßartige Beatmung und anderes Unerklärliche gleichwertiger Rhythmuspartner des Pianomannes.

Und es schloss zum Konzertende mit einer Zugabe, die durch Wograms kultivierte mehrtönige Posauenspieltechnik (Multiphonics) in eine Gospel- oder Choralwelt entführte, die sich dann im Zusammenspiel mit Bojan Z. in Schönklangwelten weit zurückliegender Zeiten aufschwang. „Old song for a new day“. Genau. Nein! Fliegen ist nicht schöner.

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Und dazwischen gab es Jazzmusik höchster stilistischer Vielfalt zu hören. Mal swingte es locker vor sich hin. Dann knallte Bojan Z. mit harter Pranke ostinate rockige Riffs in die Tastatur. Oder man meinte einen Werbe-Jingle zu hören, der dann über absteigende Akkordblöcke zu Grabe getragen wurde. Hier eine Ellington-Anspielung, da ein Ausflug in jazzferne, nahezu klassisch anmutende Klangwelten. Afrikanisch inspirierte repetitive Muster tauchten auf, dann fast Easy-Listening und Club-Jazz-Atmosphäre. Und was die Stimmungen anbelangte, so konnte man sich innerhalb eines Stückes vom Düster-Melancholischen zum Hymnischen hinauftragen lassen („Storks“).

Wunderbar konstrastierend, wenn Bojan Z.s rechte Hand glasklare Hochtöne am elektrischen Fender Rhodes hämmerte und seine linke Bassfiguren am Flügel anschwellen ließ. Herzerfrischend die schmutzigen Bratzlaute, die Wogram mittels Stopfer der Posaune abzuzwingen wusste

Also: Erfolgreich gepokert vom Musiksommer-Teams unter der Federführung von Anne Heinemann und Christopher Nimz! Volles Haus, überschwängliche Begeisterung.

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Die lässigste Gartenparty Braunschweigs

Veröffentlicht: 6. August 2017 in Allgemein

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BBG-Open-Air-Nights am Dowesee: Folge 14 und kein bisschen traurig

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Es sind wieder die üblichen Verdächtigen am Freitagabend auf der Bühne: Feine Herren/Drei Gitarreros, Meike Köster, ein Rest DJane. Und – natürlich „die besten Songs der Welt“, so jedenfalls sittsam bescheiden die Ankündigung. Smells like Ü50-Spirit – riecht nach sehr abgehangen?

Auch wenn es denn stimmte: Ja und? Zunächst einmal ist die erste der beiden langen BBG-Open-Airs rappelvoll. Das spricht für ein attraktives Konzept. Bestandteile sind: Etwas Gutes zu essen, alles zwischen etwas Extravaganz und erprobt Deftigem. Kleine nette Gags im Vorbeigehen, wie puschelnde Cheerleaderinnen, LEDs in der Säuleneiche. Dann ganz wichtig: Getränke, ganz viel Getränke.

Und eben die Musik, die immer wieder weit zurückreicht. Soul, Southern Rock, Country and Western, Folk, R&B. Klassiker oft, tempomäßig eher moderat. Die sind der emotionale Unterbau des ganzen Abends. Melodien tauchen auf beim Hören. Tief aus dem Unterbewussten, dazu Hooklines und Riffs. Erinnerungen unterschiedlichster Art, aber meist die der seligeren Sorte. Ein Klima des Schönfärbens vielleicht. Aber – ist ja nicht verboten! Ist vielleicht auch nötig, sofern man nicht ganz darin versackt.

Und so ganz stimmt es ja auch nicht mit der musikalischen Rückorientierung. Man bewegt sich durchaus zwischen Tradition und Innovation, zwischen Routine und Wagnis. Denn plötzlich tauchen zwischen Helge Preuß, Axel Uhde & Co sehr junge Gesichter auf. Von Andy Bermig aus seinem „HvF goes Pop-Projekt“ ans Licht der Öffentlichkeit gelockt. Zunächst als Background Vocals, dann aber auch – durchaus hörenswert -Solostimmen, genremäßig zwischen Neuem Deutschem Sensibel-Pop, New Folk und ab und an Rauherem anzusiedeln.

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Und schließlich sogar ein ganzer Chor. Genauer: eine Pitch-Perfect-Gruppe, eine „Barden Bellas“ – Anleihe aus der US-Filmserie. Insgesamt ein überzeugendes Gemisch aus beachtenswert-routiniertem Bandauftritt und nervöser Hingabe der Bühnen-Novizen.

Nicht unbedingt etwas für junge Leute, wie man sehen konnte. Eher etwas für Menschen, die der Hohen Kunst des Sitztanzes frönen. Und nicht zucken, wenn es heißt: „Nimm die Eier in die Hand und groove mit mir!“ Denn es geht um Schütteleier, die zuvor verteilt wurden, um den Sitzgroove punktuell zu unterbrechen.

Klar, mitunter gab es einige musikalische Unbescheidenheiten, die verstören konnten. Es gibt eben Klassiker, an denen man sich besser nicht vergreift, an diesem Abend beispielsweise „All along the Watchtower“ oder „My Girl“. Aber darüber konnte   Reggie Worthys elegantes Tiefton-Bett und sein wuchtiges „Nutbush City Limits“ hinwegtrösten.

Der Wettergott war sehr gnädig gestimmt, und so hielt man gerne und lange aus. Ach, hätte es nicht einfach immer so weitergehen mögen? Nun, es gab ja noch einen zweiten Abend.

 

 

Hofgarten-Idylle

Veröffentlicht: 9. Juli 2017 in Allgemein

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Die Wolters-Open-Air-Konzertreihe wird mit dem Auftritt von Gregor Meyle erfolgreich fortgesetzt

Verstörende Gleichzeitigkeit: Hamburg „G20 – Welcome to Hell“ mit Gewaltexzessen unbekannten Ausmaßes, während in Braunschweig die „Leichtigkeit des Seins“. inszeniert wird.

Es hatte schon etwas Idyllisches am Samstagabend beim Auftritt der Gregor-Meyle-Band in Wolters‘ Hofgartengelände. So etwas vom kleinen gallischen Dorf inmitten der bösen Welt. Und Meyle als Troubadix, allerdings schön gestimmt durch die Misteln des Miraculix. Dazu wunderbar warmes Wetter und Musik, die trotz des drohend-großformatigen Bühnenaufbaus nichts zudröhnte. Eine entspannte Stimmung allüberall. Meyle gleich Milde!

Schon die Vorgruppe, Jakob Bruckner und Bruder Matti, gab sich nicht als Einheizer, vielmehr als sanfte Einstimmer. Aber die Pop-Novizen müssen bei allem Schönklang noch einiges lernen. Songs müssen aus sich heraus wirken, nicht erst aufgrund längerer Erklärungen vorab.

Da ist Meyle doch von ganz anderem Kaliber, was allerdings auch kein Wunder ist bei zwanzigjähriger Bühnenerfahrung. Er hat ein klares Konzept, um seine Songs zu präsentieren. Kernpunkt ist dabei musikalische Vielfalt. Und weil er die alleine oder in kleiner Besetzung nicht hinreichend erzeugen kann, stellt er ein kleines Orchester auf die Bühne: das „Gregor Meyle Tentett“. Die üblichen Verdächtigen: Bass, Schlagzeug, Tasteninstrument und Gitarren. Dazu aber ein echte Bläser-Sektion und zwei Streicher. Und um das noch zu toppen, sind die Herren und eine Dame Multiinstrumentalisten. So kommt es, dass orchestraler Deutschpop mühelos mal im Reggae-Gewand erscheint, dann im Countrystyle. Mal irisch, mal latin, mal angerockt, mal etwas jazzig, unterfüttert mit wirkungsvollen Soloeinlagen seiner Bandkollegen.

Nicht immer ist der Sound optimal. Bei „Die Leichtigkeit des Seins“ etwa gerät der Gesang gegenüber dem Bandsound arg ins Hintertreffen, wie man überhaupt oft die Texte nicht gut versteht. Allerdings: Das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht. Es reicht Zeilen zu erkennen. Etwa: „Siehst du die Schönheit des Planeten?“ oder – Gryphius lässt grüßen! – „Wertvollster Schatz ist unsre Seele!“ Viele Gemeinplätze, auch beliebig Aufgezähltes müssen nicht verstanden werden. Zudem erläutert Meyle oft genug, was denn sein Herzensanliegen ist, dass nämlich alles gut sein möge. Leider im Predigerstil.

Gleichviel: Meyle versteht es, sein Publikum über eine oft leicht ironisierende Ansprache und gekonnte Animation in das Konzert hinein zu ziehen. Und es lässt sich gern in den Arm nehmen und dankt mit großer Begeisterung.