Hoch gepokert und gewonnen

Veröffentlicht: 14. August 2017 in Allgemein

 

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Das Duo Nils Wogram/Bojan Z. beschert dem „jung-klasse-Klassik Musiksommer 2017“ ein volles Haus                                      Text und Fotos: Klaus Gohlke                           

Ein Jazz-Duo mit Posaune und Piano? Riecht nach harter Kost, schaut abseitig aus, nicht wie ein Publikumsrenner. Zudem noch am späten Sonntagnachmittag in der Dornse des Braunschweiger Altstadt-Rathauses. Ein Hoch-Risiko-Spiel! Doch das Team von „jung-klasse-Klassik“ setzte trotzdem voll auf diese Karte. Alles Hasardeure? Mitnichten. Denn sie hatten einen Trumpf. Sie setzen nämlich auf den Heimspiel-Karte. Und die hieß: Nils Wogram: Groß-Schwülper, Braunschweig.

Nein, Wogram kann noch so sehr der bekannteste „bunte Posaunenhund“ mindestens Europas sein. Und sein Piano-Partner, Bojan Zulfikarpasic ( einfacher: Z.) mag noch so schön mit dem französischen Ritterorden der Künste geschmückt sein. Das ist noch kein Grund für volle Häuser. Dass 200 Personen zu diesem Event drängten: es hat viel mit dem Wogramschen-Heim-Bonus zu tun.

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Verdient hätte das Konzert noch mehr Zuhörerinnen und Zuhörer, zweifelsfrei. Denn geboten wurde zeitgemäßer Jazz, der allen Vorstellungen von individueller Ausdrucksweise, von intelligent-gewitztem Umgang mit der Jazzgeschichte, technischer Präzison im Zusammenspiel und Einfallsreichtum entsprach.

Das begann schon mit dem Intro-Appetizer der Konzerteröffnung: Posaune und Piano ohne Klang, stattdessen als Perkussionsinstrumente genutzt. Der Flügeldeckel wird zur Bass-Drum, sein Inneres zum Perkussionsensemble. Die Posaune wird durch Beklopfen des Mundstückes, stoßartige Beatmung und anderes Unerklärliche gleichwertiger Rhythmuspartner des Pianomannes.

Und es schloss zum Konzertende mit einer Zugabe, die durch Wograms kultivierte mehrtönige Posauenspieltechnik (Multiphonics) in eine Gospel- oder Choralwelt entführte, die sich dann im Zusammenspiel mit Bojan Z. in Schönklangwelten weit zurückliegender Zeiten aufschwang. „Old song for a new day“. Genau. Nein! Fliegen ist nicht schöner.

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Und dazwischen gab es Jazzmusik höchster stilistischer Vielfalt zu hören. Mal swingte es locker vor sich hin. Dann knallte Bojan Z. mit harter Pranke ostinate rockige Riffs in die Tastatur. Oder man meinte einen Werbe-Jingle zu hören, der dann über absteigende Akkordblöcke zu Grabe getragen wurde. Hier eine Ellington-Anspielung, da ein Ausflug in jazzferne, nahezu klassisch anmutende Klangwelten. Afrikanisch inspirierte repetitive Muster tauchten auf, dann fast Easy-Listening und Club-Jazz-Atmosphäre. Und was die Stimmungen anbelangte, so konnte man sich innerhalb eines Stückes vom Düster-Melancholischen zum Hymnischen hinauftragen lassen („Storks“).

Wunderbar konstrastierend, wenn Bojan Z.s rechte Hand glasklare Hochtöne am elektrischen Fender Rhodes hämmerte und seine linke Bassfiguren am Flügel anschwellen ließ. Herzerfrischend die schmutzigen Bratzlaute, die Wogram mittels Stopfer der Posaune abzuzwingen wusste

Also: Erfolgreich gepokert vom Musiksommer-Teams unter der Federführung von Anne Heinemann und Christopher Nimz! Volles Haus, überschwängliche Begeisterung.

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