Gebrochene Melancholie

Veröffentlicht: 30. August 2017 in Allgemein

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Ute Lemper überzeugte bei Kultur-im-Zelt mit gekonnt vorgetragenen Arrangements bekannter Chansons und Lieder   Text/Fotos: Klaus Gohlke

„Ein paar Illusionen gefällig? Ja, sind ein bisschen abgegriffen, aber komm, immer wieder schön oder? Liebe? Lass mal, nur ein Spiel! Alles Treibsand!“ Oh, Friedrich Holländers „Illusions“ als Anfang. Enttäuschung, Wehmut, trostlose Ernüchterung – ist das das Motto, wird das die Stimmung des gesamten Ute Lemper – Auftritts bei Kultur im Zelt werden?

Keine Angst, nicht mit diesem Musik-Vamp! Wohl macht sie zunächst schwer auf Melancholie. Elegant gedresst im langen schwarzen Gewand, gewagt geschlitzt, dekolletiert und mit roter Schärpe um Bauch und Hüfte! Das Arrangement des Eröffnungstückes aber, das lässt keinen tränennassen Abend erwarten. Sie erweitert den Song medleyartig, bricht ihn vor allem musikalisch auf. Es swingt, es bluest gehörig zwischendurch. Das Trauerflorige wird mit einer Stimme zerstört, die heftig an Janis Joplins Vokalisen bei „Ball and Chain“ erinnert. Gekonnte Wechsel in Dynamik und Tempo erfrischen und ein langer Ausstieg mit jazzigem Scat-Gesang, der in die bekannten langen, das gesamte Stimmregister demonstrierenden Kadenzen mündet.

Ja, sie kann es. Immer noch. Das tausendköpfige Publikum ist gewonnen. Aber – und das ist das Besondere dieses Abends: Die Lemper biedert sich nicht an. Jedenfalls nicht musikalisch. Ob Piafs „Milord“ oder ihr „Je ne regrette rien“, ob Brecht/Weills „Moritat von Mackie Messer“, Holländers „Ich bin die fesche Lola“, Brels „Amsterdam“: Es gab keine Coverversionen, sondern intelligente Bearbeitungen. Ein Spiel mit Zitaten auch. Hier ein paar Takte aus Ray Charles‘ „Hit the road, Jack“, dort etwas „Alabama-Song“. Wenn es schnell gefühlig werden könnte, etwa bei „Wie einst Lili Marleen“, dann nur eine Kurzfassung. Andererseits, schon paradox, lässt Lemper den Saal zu „Mackie Messer“ mitsummen. Das ist Brecht’scher Verfremdungs-Effekt in ironischer Vollendung.

Das heißt nicht, dass es an stillen, anrührenden Momenten fehlte. Vor allem das im Jiddischen gesungene „Stiller Abend“ vermochte – auch ohne didaktische Hinweise – zu beeindrucken. Hochgradig gewagt, gekonnt und anrührend dabei der auf einem Ton sich bewegende zarte Übergang von Brechts „Nanna-Lied“ zu jener todtraurigen Exilanten-Elegie. Das konnte aber auch nur gelingen im Zusammenspiel mit den höchst sensiblen musikalischen Begleitern des Abends, wie es am Piano Werner Gierig, Romain Lecuyer am Akustik-Bass und Victor Vilena am Bandoneon waren.

Gerade bei diesen nicht forciert vorgetragenen Stücken überzeugte die Diseuse stimmlich uneingeschränkt. Sobald sie aber Druck in den Gesang brachte- und das tat sie gern – wurde die Stimme übermäßig und auch verunklarend rau. Absicht oder beginnende Überanstrengungserscheinungen? Das Publikum sah darin jedenfalls kein Problem und dankte stehend und langanhaltend.

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