Kermes ohne Kirmes

Veröffentlicht: 19. September 2017 in Allgemein

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Text und Fotos: Klaus Gohlke

Simone Kermes und Amici Veneziani begeistern mit italienischer Barockmusik

Ein eigentümlicher Ruf geht der Koloratursopranistin Simone Kermes voraus. Nämlich bei aller Sangeskompetenz eine für „klassische Musik“ ziemlich schräge Show zu zelebrieren. Was ihr Epitheta einbrachte wie „Nina Hagen bzw. Lady Gaga der Barockmusik“, „Vollblutrampensau“, „virtuose Wundertüte“ oder aber „BaRockröhre“ . Vor allem schrille Kleidung, mehrfach während des Konzertes gewechselt, versetzte in Aufregung.

Wer deswegen zur ihr ins 47. Helmstedter Juleumskonzert kam, der wurde schwer enttäuscht. Die Kermes bot keinerlei Kirmes, sondern präsentierte sich – was das Outfit betrifft – durchgängig in einem durch eine Tournüre aufgebauschtes schwarzes Kleid und kümmerte sich ansonsten um das musikalische Wohlergehen ihres Publikums.

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Und zwar gleich zu Beginn, und zwar ganz praktisch. Weil der Saal mit einem kleinen Ensemble nicht gut mittig zu bespielen war, es also zu Benachteiligungen beim Hören kommen könnte, ließ sie drei Reihen Stühle auf der Bühne platzieren. Vorbildliche Fürsorge.

Musikalisch stand das Konzert unter dem Motto „Belcanto di Napoli“, was nicht ganz passte, weil sich Gesangs- und reine Instrumentalparts abwechselten. Sei es, um die Qualität des Barockensembles zur Geltung kommen zu lassen oder aber der Stimme Erholungsphasen zu verschaffen. Denn „Bel Canto“, das ist nicht einfach schöner Gesang einer ausgebildeten Stimme. Es ist hoch artifizielle Sangeskunst, wie die Kermes gleich mit ihrer ersten Bravour-Arie aus Nicola Antonio Porporas Oper „Mitridate“ demonstrierte. Sie stürzte sich förmlich hinein in die Musik, formte feine Perlenketten von Koloraturen und beeindruckte mit erstaunlichem Stimmumfang und rasantem Tempo.

Die Fortsetzung des Konzertes mit Antonio Vivaldis Concerto in D-Dur gab dem Orchester „Amici Veneziani“ unter der ungemein gefühlvollen Leitung des Violinisten Boris Bengelman Gelegenheit zu glänzen. Dabei zeigten sich die Musiker höchst aufmerksam, exakt und als Meister in den dynamischen Abstufungen. Bengelman selbst präsentierte sich absolut virtuos in den Prestopassagen, aber auch beim Pianissimo in den höchsten Lagen. Sehr eindrucksvoll.

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Kermes‘ Können zeigte sich natürlich in solch Power-Partien wie Pergolesis Eifersuchts-Arie „Tu me da me dividi“, aber wirklich innige Momente entstanden beim Vortrag langsamer Arien, insbesondere bei Johann Adolf Hasses Arie des Siface aus der Oper „Viritate“. Das An- und Abschwellen der Stimmlautstärke, das Tragen der Stimme, die vielfältigen Verzierungen ließen nicht mehr an Technik denken, sondern berührten zutiefst.

Die Zugabe mit Mitklatschen des Publikums und insbesondere die Art-Folk-Pop-Nummer „Sag mir, wo die Blumen sind“ waren gut fürs Herzele, mehr aber nicht. Zum Glück schloss das Konzert mit Händels wohl berühmtester Arie „Lascia ch’io Pianga“ und erhielt so einen abschließenden Höhepunkt. Lang anhaltende und stehende Ovationen.

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