Entspannte Raffinesse

Veröffentlicht: 11. Juni 2017 in Allgemein

 

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Das Trio des Kölner Gitarristen Philipp-Brämswig beeindruckt mit zeitgenössischem Jazz                                                              

Text und Fotos: Klaus Gohlke

„Ich bin Fingerstyler und keineswegs jazz-affin, aber das war gut! Danke für den tollen Abend!“ Kritische Distanz, Respekt, Begeisterungsfähigkeit und Offenheit für Unbekanntes spricht aus diesem Kommentar eines Gitarrenpraktikers. Der nahezu ideale Konzertbesucher, fern von Fan-Gehabe.

Und was er hörte, das war ein Konzert des Kölner Gitarristen Philipp Brämswig, der mit seinem Trio am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof auftrat. Gespielt wurde Jazzmusik mit rockigem Einschlag. Ungebunden, was die Stilistik betraf. Vom Kontext her eher us-amerikanisch geprägt. Das betrifft zum einen Brämswigs Gitarrenvorbilder, vor allem Wayne Krantz, John Scofield, Pat Metheny. Aber auch die Präsentation des Trios, bei der der Gitarrist deutlich im Zentrum des Geschehens steht.

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Vor allem Fabian Arends am Schlagzeug, aber auch Florian Rynkowski am E-Bass übernahmen eher die grundierenden Aufgaben, was nicht gering zu schätzen ist. Das Zusammenspiel zu strukturieren, Akzente zu setzen, auch Widerpart zu sein, bedarf tiefen Verständnisses der kompositorischen Absichten und geistesgegenwärtiges Reagieren im Miteinander. Arends und Rynkowski waren da die denkbare beste Wahl.

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Denn Brämswig forderte sie gehörig mit seinem variantenreichen Saitenspiel. Mal im freieren Duktus zwischen mäandernden spacig-disparaten Klängen und rasanten rockigen Ausbrüchen („Anger Management“). Dann wieder eher durchkomponiertes, an einen Altmeister der Jazzgitarre wie Jim Hall erinnerndes Fingerpicking, das plötzlich in ein dichtes fusionartiges Geflecht überführt wurde („Prisma“). Die Übergänge zwischen rasantem Einzelsaitenspiel und differenzierter Akkordarbeit sind elegant, Griff- und Anschlagstechnik virtuos. Alles ist frei von Effekthascherei. Das gilt im Übrigen auch für den Einsatz elektronischer Mittel, der völlig funktional erfolgt und auch bei affekt-geladenen Ausbrüchen nicht ins Lärmende abdriftet.

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Es ist verblüffend, mit welcher Raffinesse, Sicherheit und Entspanntheit die drei der jungen Kölner Jazzszene zuzuordnenden Musiker miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass das Trio unlängst den zweiten Preis im Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises gewonnen hat. Und eben auch kein Wunder ob des lang anhaltendenden Beifalls eines sehr sachkundigen Publikums.

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Wir werden euch vermissen!

Veröffentlicht: 28. Mai 2017 in Allgemein

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Die Vokal-Pop-Gruppe „Wise Guys“ beschließt mit einem furiosen Auftritt ihre Karriere                                                                 Fotos: Wise Guys   Text: Klaus Gohlke

Das erlebt man nicht oft: Geburtstags- und Beerdigungskonzert in einem. Überschwänglicher Jubel und traurig- tränennass sich Umarmende nahezu zeitgleich. Ein Konzert, das keine Aufwärmphase brauchte. Ein, zwei Takte des ersten Songs und die Fans erheben sich, klatschen trefflich auf 2 und 4, singen textsicher mit.

Nein, es war keine internationale Supergroup, die da am Freitagabend in der bis auf den letzten Platz gefüllten Braunschweiger Stadthalle auftrat. Es waren nur die „Wise Guys“, zu Deutsch „Schlaumeier“! Doch – was heißt nur? Fünf goldene Schallplatten, Topplatzierungen in den Charts, Touren durchs In- und Ausland, eine Erfolgsgeschichte. Doch die ist jetzt Schnee von gestern. Es ist Schluss, aus, vorbei! Definitiv jetzt die Abschlusstour.

„Aufhören, wenn’s am schönsten ist und mit dem Besten aus 25 Jahren!“, war die Devise des Abends. Und die Fünf taten ihr Bestes, den Abschied schwer zu machen. Eine bunte Mischung aus meist humorvoll-witzigen bis herzhaft-selbstironischen Songs wurde geboten, unterbrochen von nachdenklich-melancholischen und kritisch-politischen Beiträgen. In Fünf-Jahres-Schritten ließ das Quintett anhand einzelner Songs seine Entwicklung zur erfolgreichsten deutschen A-Capella-Gruppe Revue passieren, begleitet von einer stimmigen, wirkungsvollen Bühnen- und Lichtshow. Typisch Wise Guys: kein Brimborium.

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Überzeugend der exakte Gesang mit Solostimme im Zentrum, untermalenden Zweitstimmen und den obligatorischen „Dut-Dut-Duahs“ , „Dum-Dum-Baos“ und anderen Melismen der restlichen A-Capellisten. Klang das nicht etwas nach den Everly Brothers oder Simon and Garfunkels sauber platzierten Closed harmonies? Oder nach gekonntem Doo-Wop-Gesang der späten 50er Jahre? Ja, durchaus. Die Schlaumeier haben ihre Quellen eben gut studiert. Dazu noch präzise Vocal Percussion. Alles harmonisch-melodisch sowie rhythmisch – mitunter sehr – überschaubar und somit eingängig gestaltet.

Höhepunkt war zweifellos „Schiller“, eine gruftige Würdigung unseres Dichterfürsten, die musikalisch-performativ als Michael-Jackson-Parodie präsentiert wurde. Aber auch die Hip-Hop-Einlage zu Beginn des zweiten Sets begeisterte. Das unaufdringliche und gut durchdachte Konzept der Show überzeugte. Angefangen beim Outfit der Herren über die Bühnenpräsenz bis zur Online-Abfrage zum Braunschweiger Hit des Abends. „King of the road“ war es übrigens.

Es herrschte ein nahezu inniges Verhältnis zwischen Band und Publikum. Und so traf die Abschlusshymne „Wir werden euch vermissen!“ die Herzen aller, gleich ob auf der Bühne oder im Saal. Zwei Zugabenblocks und ein „Afterglow“ nach der Show rundeten den Abend ab. „Die Wise Guys gehen – die Songs bleiben bestehen!“ – dieser T-Shirt-Aufdruck schien nicht alle zu trösten.

 

Afrikanisch-karibisches Gebräu

Veröffentlicht: 18. Mai 2017 in Allgemein
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Omar Sosa am Klavier und Keyboard   Foto: K. Gohlke

 

Die NDR-Bigband spielte unwiderstehlich im Braunschweiger LOT-Theater

Text: Klaus Gohlke. Weitere Fotos: K.C. Amme

Jazzkonzert im LOT Braunschweig genau zur Wochenmitte und dann ausverkauft? Schwer vorstellbar, aber Tatsache. Doch recht eigentlich überhaupt kein Wunder. Denn der musikalische Lockstoff war die NDR-Bigband unter der Leitung des Norwegers Geir Lysne. An sich schon ein Zugpferd. Aber insofern sie mit drei Special Guests ein respektables kubanisches Upgrade bot, stieg die Anziehungskraft um ein Vielfaches. Omar Sosa am Piano und Keyboard, Ernesto Simpson an den Drums und der Bassist Omar Rodriguez Calvo spielten die Lockvögel.

NDR 4

Ernesto Simpson, dr

 

Nun ist Omar Sosa schon als Erscheinung wundersam eindrucksvoll. Groß, schlaksig, in weiße mit ornamentaler Bestickung verzierte Tücher gehüllt. Weiß behütet, schrille Brille, Fußbänder, eine extrovertierter Showman. Oft die Beine weit gespreizt: ein Fuß auf dem Klavierpedal, der andere auf dem Volumenregler des Keyboards. Die Rhythmen mitsprechend, Soli mimisch-gestisch lebhaft begleitend: ein echter Hingucker.

Was er aber mitsamt der Band an musikalischer Substanz ablieferte, ließ das Optische nahezu vergessen. Man müsste schon ein hochqualifizierter Genre-Spezialist sein, um genau sagen zu können, was da jeweils in welchem Moment afrikanisch, kubanisch, brasilianisch, was Cha-Cha-Cha, Merengue, Mambo oder Samba war. Aber nicht nur das: auch europäische Klassik, Folkrückgriffe und Modern Jazz-Elemente wurden mühelos integriert und zu einem mal wilden, mal melancholisch balladesken Gebräu zusammengeführt.

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Frank Delle (sax)

 

Mitunter regelrecht aufschreckend, wenn die Posaunengruppe rhythmisch auf einem völlig anderen Gleis zu fahren schien! Oder aber die Trompeter plötzlich so dissonant spielten, dass man aufs erste Hören auf vertauschte Notenblätter schloss.

Wunderbar die Idee, nach der Pause zunächst Sosa und Simpson mit „Muovente“ stimmungsvoll allein auftreten zu lassen. Um dann – ergänzt um Calvo und den Perkussionisten Marcio Doctor – nahezu herzschmelzend „Alma“ zu zelebrieren, das die bei uns als „Guantanamera“ bekannte Melodie entfaltete. Zunächst sanft, dann verfremdeter mit sehr gewagten Übergängen bei den Akkordverbindungen.

Schön war, dass Sosa seinerseits den Solisten der Bigband Raum für ihre musikalischen Ideen ließ und so nie das Gefühl eines künstlerischen Gefälles entstehen ließ. Allerdings: Dafür sind die (ausschließlich) Männer aber auch zu gut!

Schließlich: Dass das Konzert so mitreißend war, lag nicht zuletzt an den wunderbaren Arrangements, die der brasilianische Cellist Jaques Morelenbaum für die Sosa-Kompositionen ersann.

Zum Schluss, völlig klar, stehende Ovationen!

Nahezu unverschämt wohlklingende Musik

Veröffentlicht: 25. April 2017 in Allgemein

Das Jakob Bro Trio beeindruckt mit Horizont erweiterndem, zeitgenössischen Jazz

Text: Klaus Gohlke                                                                                             Fotos: K.C.Amme

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„Was für ein außergewöhnliches Konzert!“, äußerte sich eine Besucherin höchst zufrieden. Was den allgemeinen Eindruck treffend wiedergab. Allerdings fiel auch die eher entrüstete Aussage, dass das doch wohl kein Jazz gewesen sei.

Als wüsste irgendjemand zu sagen, was Jazz ist! Man kann höchstens in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein sagen: „Jazz ist alles, was der Fall ist!“ Aber, nichts für ungut. Es lohnt schon, gerade für den Skeptiker, darüber nachzusinnen, was denn das Außergewöhnliche des gut besuchten Konzerts des Jakob Bro Trios am Sonntagabend im Braunschweiger LOT-Theater gewesen sein könnte.

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Mit „Gefion“ eröffnet Bro das Konzert. Gefion, die Asenjungfrau, Beschützerin der Jungfrauen, rein wie der Morgentau. So auch das Gitarrenintro: ein durchgehender Schwebeton im Hintergrund. Darauf Tontupfer, Flageoletts, später perlende Tonfolgen in den höheren Lagen. Hier und da etwas Beckenblech, ein Trommelschlag.

Dann klinkt sich der Bass ein. Grundtöne betonend, erst später sich lösend, um die Tonfolge, die sich verdichtet, zu umspielen, zu grundieren, zu akzentuieren.

Das alles in größter Ruhe ausgebreitet, nur minimal variiert, Geduld einfordernd. Welch ein Wohlklang, den Bro erst spät und ganz sparsam zu brechen beginnt. Auch die folgende Komposition „Copenhagen“ verharrt im Gestus ruhigen Dahinfließens. Die Musik taucht wie aus einer Tiefe heraus auf, wird immer erkennbarer und versinkt wieder. Man hat Zeit, sich Bilder zur Musik vorzustellen.

Natürlich gibt es auch mal eine Uptempo-Nummer mit rasantem Bass-Intro, angezerrten Gitarrenriffs und Solopassagen, sowie explosive Schlagzeugausbrüche. Das sind notwendige Ingredienzien, um die melodisch gesinnte, harmonisch fundierte und beharrliche von langbogigen Steigerungsdramaturgien geprägte strenge Variationsästhetik umso deutlicher hervor heben zu können. Meisterlich dargeboten mit „Heroines“.

Und damit sind wir schon bei der Antwort auf die Frage nach dem Besonderen dieses Konzertes. Melodische und rhythmische Muster werden von Bro, ohne den klanglichen Grundeindruck, den Sound insgesamt zu durchbrechen, immer wieder minimal verändert. Und dafür bedient er sich notwendigerweise der Tonschichtungen mittels der Looptechnik und der extensiven Delays. Das ist kein modischer Schnickschnack. Um der Gefahr eines gewissen Schematismus zu entgehen, werden Thomas Morgan am Kontrabass und Joey Baron am Schlagzeug zu eigenwilligen handlungstragenden, gestaltenden Subjekten.

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Baron schien lange Zeit demonstrieren zu wollen, dass die Bezeichnung Schlag-Zeuger absurd ist. Er schlug nicht. Er streichelte Becken und Felle, arbeitete mit Besen, Fellschlägeln, Light Rods; erst im vierten Stück des ersten Sets verwendete er die üblichen Sticks. Es gab nicht das durchlaufende Hi-Hat-Spiel, nicht den Bassdrum-Dauerpuls. Er akzentuierte transparent und mitunter koboldhaft dazwischenfahrend.

Und Thomas Morgans Bassspiel war von einer ganz erstaunlichen Varianz. Auf nahezu unverschämte Weise vermochte er dem Schönklang noch mehr Tiefe zu verleihen, um dann aber immer wieder ganz eigenwillig zu interpunktieren. Wie er in diesen Soundlandschaften unverdrossen Strukturen einzog und den Kontext nicht aus den Augen verlor, war stupend.

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War das nun dänisch-nordischer oder europäischer Jazz? Mitnichten oder Jein, wie man will. Die scheinbare Folksongbasierung und die Melodieverliebtheit einiger Kompositionen – hat sie nicht ihre Vorläufer z.B. in Pat Methenys Album „80/81“ oder beim Album „Folksongs“ des Charlie Haden Trios? Kann man in „Gefion“ nicht Country & Western-Klänge heraushören, was einen feinen Humor erkennen ließe?

Bro ist Kind dieser Zeit. Er kennt die Traditionen und weiß um zukünftige Entwicklungen im Bereich der Electronica. Wobei allerdings der Einstieg ins tonal nicht recht zu verortende „Sisimuit“ eher verwirrte. Was zunächst nach einer Störung des Effektgerätes sich anhörte, geriet dann doch von einem zunächst auf disparaten Wegen verlaufenden, aber dann zu einem von vielschichtigen Überlagerungen gekennzeichneten komplexen Stück.

Das Trio spielte eine Variante zeitgenössischer Jazzmusik. Wie und was auch immer: Improvisation, das Offene, das Unerwartbare macht den Reiz des Jazz aus. Und fordert vom Zuhörer das Gleiche. Große Begeisterung zum Schluss des Konzertes.

„Keine Vorgaben – das ist für mich Jazz“

Veröffentlicht: 12. April 2017 in Allgemein

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Foto: Nils Fabaek

Ein Interview mit dem dänischen Jazz-Gitarristen Jakob Bro anlässlich des bevorstehenden Konzertes seines Trios im LOT-Theater          Klaus Gohlke

Eine Jazz-Super-Group gastiert am 23. April im Braunschweiger LOT. Der dänische Ausnahme-Gitarrist Jakob Bro hat eine der heißesten Rhythmusgruppen um sich geschart: Thomas Morgan am Bass und Joey Baron am Schlagzeug spielen alles und überall auf der Welt. Was die Braunschweiger Jazzfans erwartet, erkundete unser Mitarbeiter Klaus Gohlke im Telefon – Interview mit dem Kopenhagener Musiker.

Jakob, ihr habt beim Edel-Label ECM zwei CDs eingespielt. Ihr tourt erfolgreich durch die Welt. Was fasziniert die Leute an eurer Musik?

Das sind zwei Dinge, die miteinander zusammen hängen. Zum einen schreibe ich gern kleine, einfache Melodien. Einfach heißt nicht oberflächlich und banal. Mir liegt daran, dass die Zuhörer sich in den Melodien zurecht- und wiederfinden können. Andererseits meint einfach, dass meine beiden Mitspieler Raum genug finden, auf vielfältigste Weise kreativ mit diesen Melodien umzugehen. Es geht also um Offenheit.

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Foto: Nils Fabaek

Mir scheint, dass deine Musik aber auch große Zeithorizonte eröffnet. Entschleunigst du die Musik absichtlich?

Das ist kein Programm. Aber es stimmt schon. Klänge und Stimmungen brauchen Zeit, sich entfalten zu können. Sowohl wir als Musiker, aber genauso die Zuhörer müssen Zeit haben, den entstehenden Eindrücken nachgehen zu können. Das widerspricht durchaus dem Zeitgeist, der von Hektik geprägt ist.

Könnte man dich als Ton-Maler bezeichnen, als musikalischen Impressionisten?

Ja, das ist ein schönes Bild. Aber ich bin das nicht im strengen Sinne des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ich liebe schon tonale und rhythmische Offenheit. Es geht mir um Klangfarben, die wir erzeugen und variieren können. Um vielfältige musikalische Einflüsse. Aber immer orientiert an Melodien.

Die Jazzliebhaber sagen oftmals über deine Musik: „Ja, sehr schön. Aber ist das Jazz?“

Ich denke über so etwas nicht nach. Mein Vater brachte mir die Bigband-Musik nahe. Ich selbst war beeindruckt vor allem von Trompetern und Saxofonisten. Armstrong, später Tomasz Stanko, Jan Garbarek. Die Rhythmiker inspirierten mich. Ich höre Klassik, Rock.   Eben gute Musik. Ich liebe Kreativität, Spannung und Aufregendes. Es gibt keine Vorgaben, stattdessen einen freien Ansatz. Das ist für mich Jazz. Die Schublade interessiert mich nicht.

Ihr habt im April/ Mai 18 Konzerte in 18 Tagen. die finden in England, Deutschland, Ungarn, Dänemark, Österreich und der Schweiz statt. Einer Woche später fliegt ihr nach Japan. Wie stehst du das durch?

Das geht nur mit so wunderbaren Musikern, wie es Joey und Thomas sind. Und mit einem einfühlsamen Publikum, wie wir es immer wieder erleben. Ich denke, das wird auch in Braunschweig so sein.

Das Jakob-Bro-Trio spielt am 23. April 2017 im LOT-Theater Braunschweig, Kaffeetwete 4a um 20 Uhr. Vorkauf an den üblichen Vorverkaufsstellen und über Eventim im Internet. Abendkasse: 25/22/10 Euro.

Die Kunst des Mitleidens

Veröffentlicht: 4. April 2017 in Allgemein

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Georg August Homilius‘ selten gespielte Passionskantate gefiel in St. Katharinen

Text und Fotos: Klaus Gohlke

Ostern, das ist recht eigentlich nicht der Osterhase mit einer Frühlingsbescherung gar. Hinter Ostern steht eine schlimme Geschichte, die tief blicken lässt, wozu Menschen fähig sind. Es geht um Jesus, der ans Kreuz genagelt wurde, weil er nicht war, wie man so sein sollte. Es geht um abgrundtiefe Bosheit des sogenannten gesunden Menschenverstandes, es geht ums Leiden. Passion. Aber auch darum, dass aus dieser Trübsal, dieser Schuld ein Weg ins Licht führt.

Gestaltung findet das Leiden in der Passionsmusik, und man denkt nahezu zwangsläufig an Johann Sebastian Bach, an seine Matthäus-Passion. Nicht so aber am Passions-Sonntag zu St. Katharinen in Braunschweig. Hier wurde eine andere Passionsmusik zu Gehör gebracht. Erstmalig in Braunschweig. Die Passionskantate von Georg August Homilius nämlich, einem Bach-Nachfolger. In der Mitte des 18. Jahrhunderts sehr geschätzt, dann aber in Vergessenheit geraten. Vielleicht, weil er gewissermaßen „zwischen den musikalischen Stühlen“ komponierte. Weder alte Kirchenmusik, noch bürgerliches Konzert, sondern etwas Eigenes schuf.

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Es wird nicht mehr der biblische Stoff der Evangelisten erzählt. Vielmehr wird die Leidensgeschichte aus der Perspektive der Betroffenen dargestellt. Homilius geht es um die Betroffenheit, das Mitgefühl und die Reflexion über die Schuld des Menschen. Empfindsamkeit ist das entscheidende Stichwort jener Zeit. Die Beziehung zwischen Musik und Text steht bei ihm im Zentrum. Angst, Unverständnis, Schuldgefühl, Erlösungshoffnung, Zorn – all das möchte Homilius musikalisch vermitteln. Nicht hochkomplexe Kontrapunktik steht im Mittelpunkt, dafür wird Einfachheit, eine gewisse Gefälligkeit über schöne Melodien angestrebt.

Die Kantorei, das Kammerorchester an St. Katharinen und herausragende Solisten unter der Leitung des Landeskirchenmusikdirektors Hecker widmeten sich dieser Aufgabe, und das mit Erfolg. Das Zusammenspiel von Orchester, Chor und Solisten war feinfühlig und dynamisch differenziert. Das Orchester mit erfreulich vielen sehr jungen Gesichtern folgte Heckers konzentriertem und unaufgeregtem Dirigat mühelos. Man mag ja Homilius‘ Gefühlsvermittlung etwas doch sehr durchsichtig empfinden. Aber wie der Chor und die Solisten sich an die Umsetzung machten, das nötigt Respekt ab. Gerade die ins Hoffnungsfrohe zielenden Arien, makellos vorgetragen von Lisa Florentine Schmalz und Geneviève Tschumi, waren anrührend. Aber auch Vernon Kirk als Tenor und Tim Maas als Bass-Bariton beeindruckten nicht minder mit Präzision und Ausdrucksvariabilität.

Dass hier Passionsmusik jenseits der üblichen Pfade mit begeisterungsfähigen Musikern dargeboten wurde, fand im sehr gut besuchten Konzert begeisterten Zuspruch.

 

Völlig angstfreier Jazz

Veröffentlicht: 27. März 2017 in Allgemein

Duncan Eagles „Partikel“ beeindrucken mit zeitgenössischer britischer Musik

Text und Fotos: Klaus Gohlke

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England? Nun, was fällt Ihnen dazu spontan ein? Genau: Brexit, Terror, Finanzplatz. Na klar, auch Fußball! Also Klopp, Özil, Mourinho, Guardiola. Ziemlich englisch, was? Aber „Swinging London“, also Aufbruch, Jugendkultur, weltweiter Impulsgeber, das doch wohl kaum?

Duncan Eagles, Londoner Jazzmusiker, der Freitagabend auf Einladung der Braunschweiger Jazzinitiative im Lindenhof konzertierte, gibt sich diplomatisch zurückhaltend auf entsprechende Nachfrage. „Doch, ich denke schon, dass England immer noch swingt. Jedenfalls, was den Jazz betrifft. Nur, ein klein wenig anders!“

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Und sie ließen es swingen, aber in einem sehr, sehr übertragenen, mit traditioneller Swingmusik nicht zu verwechselnden Sinn. Es war Gegenwartsjazz, der Angst vor gar nichts hat. Genre-Rück- und Übergriffe durchziehen die Kompositionen. Stilelemente des Blues, des Prog-Rocks werden ebenso verwendet, wie man Anspielungen auf klassische Musik angedeutet findet. Man bewegt sich mal in der Second-Line einer New-Orleans-Marching Band, dann wieder – unterstützt von Laptop-generierten impressionistischen Radiogeräuschen – im quirligen Gewusel einer chinesischen Großstadt. Mal Modern-Jazz, mal Electronica-Einsätze, die durch Hall-, Echo-, Harmonizer- und Sampling-Einsatz nahezu orchestrale Atmosphäre entstehen ließen.

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Man könnte das nun als prinzipienloses Musizieren bewerten, aber das griffe zu kurz. Freilich: Der Jazzliebhaber, für den die Abfolge Thema – Improvisation – Thema mit erkennbarem Rückbezug auf harmonisch-melodische Strukturen das Maß aller Dinge ist, kann sich mit dieser Musik kaum anfreunden. Die Kompositionen aber haben es in sich. Der permanente Wechsel zwischen Gruppenzusammenspiel, Monologen und Dialogen, der mal soundorientiert ist, dann wieder völlig transparente Klänge herstellt, ist spannend.

Die Stücke haben absolut nachvollziehbare Strukturen. Oftmals werden Harmonien reduziert. Duncan Eagles am Tenorsaxofon konzentriert sich dabei auf zwei, drei Töne nur. Immer wieder leicht verändert, um dann im weiteren Verlauf diese komplex ins Offene auszuweiten. Seine Loop-Ausflüge waren allerdings nicht unbedingt vertiefend.

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Eric Ford, das Schlagzeug-Power-Pack, vermochte diese Spannungen präzise zu akzentuieren, Zurückhaltung war nicht unbedingt sein Ding. Wunderbar kontrastiv Max Luthert am Bass: Beinahe traditionell oft seine haltgebenden ostinaten Figuren und einfühlsamen Tiefton-Exkurse. Und David Preston an der Gitarre – er brauchte eine Weile des Sich-Aufwärmens und hätte mitunter schneller auf den Punkt kommen sollen – schuf hintergründige Klanglandschaften oder provozierte Eagles mit seinen Soli.

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Das hatte alles Hand und Fuß und war sehr spannend. Folglich: man kann zu England nach diesem Konzert durchaus sehr Angenehmes assoziieren: spannende, scheuklappenfreie Jazzmusik. Deshalb zu Recht viel Beifall.